Mail  Gästebuch  Umfrage
Home

AutorInnen
Werke
Verfügbar

Zum Einstieg
Tiptree
Kategorien

FAQ

Links

Suche

Buch des Monats
(April 2000)

In dieser Rubrik wird jeden Monat ein Buch kurz vorgestellt - nach Möglichkeit eine Neuerscheinung. Außerdem werden Zu- und Abgänge bei der feministischen phantastisch-utopischen Literatur auf dem deutschen Buchmarkt aufgeführt.

April 2000:

Um das 40-jährige Bestehen ihrer Sciencefiction-Reihe zu begehen, hat der Heyne-Verlag im März eine zwölfbändige Jubiläumsreihe mit ausgesuchter SF herausgebracht, u.a. auch Die linke Hand der Dunkelheit von Ursula K. Le Guin mit einem Vorwort von John Clute. Dieses Buch, das bisher auf Deutsch unter dem Titel Winterplanet erschien, hat in mehrerlei Hinsicht SF-Geschichte geschrieben. Der 1969 erschienene Roman wurde mit dem Hugo und mit dem Nebula Award ausgezeichnet. Ursula Le Guin war damit jeweils die erste Autorin die in der Kategorie Roman diese Preise erhielt (Anne McCaffrey hatte den 1968 Nebula für den Kurzroman 'Dragonrider' und den 1969 Hugo für den Kurzroman 'Weyr Search' erhalten). Le Guin war aber auch die erste AutorIn überhaupt, die für einen Roman beide Preise erhielt. Titelbild: Heyne 8207, 2000

Diese Auszeichnungen kamen nicht von ungefähr. Die linke Hand der Dunkelheit ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben. Die Geschichte ist packend, die geschilderte Welt detailliert und in sich konsistent dargestellt, die Charaktere sind vielschichtig, interessant und glaubwürdig.

Inhaltlich war der Roman das erste Werk, das sich eingehender mit der Geschlechterfrage befasste. Die Geschichte spielt auf dem Planeten Winter, auf dem eine humanoide Rasse lebt, deren Angehörige die meiste Zeit geschlechtslos sind. Analog zum weiblichen Menstruationszyklus kommen die Menschen auf Winter alle paar Wochen in "Kemmer". Dann bilden sie ein Geschlecht aus - Mann oder Frau. Doch ist es vorher nie klar, welches Geschlecht es jeweils sein wird. Le Guin stellt viele der Auswirkungen dar, die eine derartige Biologie auf die Gesellschaft hat. Ihre Spezialität sind dabei kapitelweise eingeschobene Mythen der Winter-Gesellschaft. Mit diesem Buch hat Le Guin eine ganze Richtung der SF angestoßen. Dennoch ist ihr Roman gerade in dieser Hinsicht nicht völlig gelungen.

Drei Kritikpunkte werden immer wieder vorgebracht. Le Guin behandelt nicht einmal andeutungsweise, wie die Kindererziehung in einer solchen Gesellschaft funktioniert. Sie verwendet für die Menschen auf Winter fast durchweg das Pronomen "er" (mit Ausnahme der Zeit, wenn ein Winter während der Kemmer oder der Schwangerschaft weiblich ist). Und schließlich wird gerade der wichtigste Winter-Protagonist, Estraven, der ehemalige Premierminister des Landes Karhide, besonders "männlich" dargestellt, auch in der Beziehung zu seinem ehemaligen Liebhaber. Das wird auch nicht durch eine kurze Episode, in der Estraven während der Kemmer weiblich ist, ausgeglichen. Joanna Russ sagte dementsprechend über den Roman, dass in ihm keine Frauen, sondern nur Männer vorkommen. Das Männliche als Norm wird in diesem Roman fortgeschrieben, männlich und weiblich eben gerade nicht in den androgynen Menschen von Winter integriert.

Doch bei aller Kritik im Detail ist es gerade diesem Roman zu verdanken, dass die bestehenden Geschlechterverhältnisse in der SF nicht mehr nur einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden.

Was mich allerdings etwas betroffen gemacht hat, ist, daß Die linke Hand der Dunkelheit das einzige von einer Frau geschriebene Werk ist, das in die genannte Heyne-Jubiläumsreihe aufgenommen wurde.
 

Auf dem deutschen Buchmarkt hat es in den letzten Monaten einige Veränderungen im Hinblick auf die feministische phantastisch-utopische Literatur gegeben: So sind einige Ausgaben der Romane um die "Amazonen" von Darkover von Marion Zimmer Bradley nicht mehr auf dem Markt (Die zerbrochene Kette (Hestia und Moewig), Gildenhaus Thendara (Moewig), Die schwarze Schwesternschaft (Moewig)). Die zerbrochene Kette und Die schwarze Schwesternschaft sind damit im Moment nicht verfügbar, ersterer Roman soll allerdings im Oktober bei Knaur wieder erscheinen. Auch der Roman Die Frauen von Mandrigin (Sammelband Sonnenwolf) von Barbara Hambly ist nicht mehr verfügbar.

Dafür ist die Fortsetzung des Romans Sperling von Mary Doria Russell, Gottes Kinder, ganz neu erschienen, wie auch die von Lisa Tuttle herausgegebene Anthologie Der heimliche Spiegel. Diese Anthologie enthält die Erzählung "Pinkland" von Graham Joyce, eines von sieben Werken auf der Empfehlungsliste des erst vor ein paar Wochen vergebenen 1999 Tiptree Award. Die teils realistischen/teils "phantastischen" Erzählungen in dieser empfehlenswerten Anthologie drehen sich um Geschlechtsidentität und sexuelle Ausrichtung. Allerdings ist der deutsche Untertitel "Erotische Erzählungen" irreführend. Geisterland von Sara Paretsky kam als Taschenbuch heraus und von Die Nebel von Avalon von Bradley gibt es einmal mehr eine limitierte Sonderausgabe.

Weiterhin sind von einigen Werken neue Ausgaben angekündigt: von Die Lichtung von Jean Hegland (Taschenbuch im August), Die Gunnar-Lennefsen-Expedition von Kathrin Schmidt (Taschenbuch im Oktober), Frankenstein von Mary Shelley (Hanser im August), Das Erbe des Zauberers von Terry Pratchett (Heyne im September), Gildenhaus Thendara (Knaur im Oktober) und Die Herrin von Avalon (Fischer, gebunden im September) von Marion Zimmer Bradley.

Buch des Monats:
Januar-Februar 2000

Neuerscheinung des Monats:
November 1999 - August-September 1999
Mai-Juli 1999 - März-April 1999

Seitenanfang