In dieser Rubrik wird jeden Monat ein Buch kurz vorgestellt - nach Möglichkeit eine Neuerscheinung. Außerdem werden
Zu- und Abgänge bei der feministischen phantastisch-utopischen Literatur auf dem deutschen Buchmarkt aufgeführt.
Diese Auszeichnungen kamen nicht von ungefähr.
Die linke Hand der Dunkelheit ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben.
Die Geschichte ist packend, die geschilderte Welt detailliert und in sich
konsistent dargestellt, die Charaktere sind vielschichtig, interessant
und glaubwürdig.
Inhaltlich war der Roman das erste Werk,
das sich eingehender mit der Geschlechterfrage befasste. Die Geschichte
spielt auf dem Planeten Winter, auf dem eine humanoide Rasse lebt, deren
Angehörige die meiste Zeit geschlechtslos sind. Analog zum weiblichen
Menstruationszyklus kommen die Menschen auf Winter alle paar Wochen in
"Kemmer". Dann bilden sie ein Geschlecht aus - Mann oder Frau. Doch ist
es vorher nie klar, welches Geschlecht es jeweils sein wird. Le Guin stellt
viele der Auswirkungen dar, die eine derartige Biologie auf die Gesellschaft
hat. Ihre Spezialität sind dabei kapitelweise eingeschobene Mythen
der Winter-Gesellschaft. Mit diesem Buch hat Le Guin eine ganze Richtung
der SF angestoßen. Dennoch ist ihr Roman gerade in dieser Hinsicht
nicht völlig gelungen.
Drei Kritikpunkte werden immer wieder vorgebracht.
Le Guin behandelt nicht einmal andeutungsweise, wie die Kindererziehung
in einer solchen Gesellschaft funktioniert. Sie verwendet für die
Menschen auf Winter fast durchweg das Pronomen "er" (mit Ausnahme der Zeit,
wenn ein Winter während der Kemmer oder der Schwangerschaft weiblich
ist). Und schließlich wird gerade der wichtigste Winter-Protagonist, Estraven,
der ehemalige Premierminister des Landes Karhide, besonders "männlich"
dargestellt, auch in der Beziehung zu seinem ehemaligen Liebhaber. Das
wird auch nicht durch eine kurze Episode, in der Estraven während
der Kemmer weiblich ist, ausgeglichen. Joanna Russ sagte dementsprechend
über den Roman, dass in ihm keine Frauen, sondern nur Männer
vorkommen. Das Männliche als Norm wird in diesem Roman fortgeschrieben,
männlich und weiblich eben gerade nicht in den androgynen Menschen
von Winter integriert.
Doch bei aller Kritik im Detail ist es gerade
diesem Roman zu verdanken, dass die bestehenden Geschlechterverhältnisse
in der SF nicht mehr nur einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden.
Was mich allerdings etwas betroffen gemacht
hat, ist, daß Die linke Hand der Dunkelheit das einzige von
einer Frau geschriebene Werk ist, das in die genannte Heyne-Jubiläumsreihe
aufgenommen wurde.
Auf dem deutschen Buchmarkt hat es in den
letzten Monaten einige Veränderungen im Hinblick auf die feministische
phantastisch-utopische Literatur gegeben: So sind einige Ausgaben der Romane
um die "Amazonen" von Darkover von Marion Zimmer Bradley nicht mehr auf
dem Markt (Die
zerbrochene Kette (Hestia und Moewig), Gildenhaus
Thendara (Moewig), Die
schwarze Schwesternschaft (Moewig)). Die zerbrochene Kette und
Die schwarze Schwesternschaft sind damit im Moment nicht verfügbar,
ersterer Roman soll allerdings im Oktober bei Knaur wieder erscheinen.
Auch der Roman Die
Frauen von Mandrigin (Sammelband Sonnenwolf) von Barbara Hambly
ist nicht mehr verfügbar.
Dafür ist die Fortsetzung des Romans Sperling
von Mary Doria Russell, Gottes
Kinder, ganz neu erschienen, wie auch die von Lisa Tuttle herausgegebene
Anthologie Der heimliche Spiegel. Diese Anthologie enthält
die Erzählung "Pinkland"
von Graham Joyce, eines von sieben Werken auf der Empfehlungsliste des
erst vor ein paar Wochen vergebenen 1999 Tiptree Award. Die teils realistischen/teils
"phantastischen" Erzählungen in dieser empfehlenswerten Anthologie
drehen sich um Geschlechtsidentität und sexuelle Ausrichtung. Allerdings
ist der deutsche Untertitel "Erotische Erzählungen" irreführend.
Geisterland
von Sara Paretsky kam als Taschenbuch heraus und von Die
Nebel von Avalon von Bradley gibt es einmal mehr eine limitierte Sonderausgabe.
Weiterhin sind von einigen Werken neue Ausgaben
angekündigt: von Die
Lichtung von Jean Hegland (Taschenbuch im August), Die
Gunnar-Lennefsen-Expedition von Kathrin Schmidt (Taschenbuch im Oktober),
Frankenstein
von Mary Shelley (Hanser im August), Das
Erbe des Zauberers von Terry Pratchett (Heyne im September), Gildenhaus
Thendara (Knaur im Oktober) und Die
Herrin von Avalon (Fischer, gebunden im September) von Marion Zimmer
Bradley.