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Vorschläge
zum Einstieg in die feministische Sciencefiction/Fantasy und in feministische
Utopien
Mein Interesse für feministische Sciencefiction und Utopien bleibt meinen Bekannten natürlich nicht verborgen.
Vor ein paar Wochen wurde ich von einem meiner neuen KollegInnen gefragt,
welches Buch ich ihm denn konkret empfehlen würde. Ich stotterte erst
einmal herum. Planet der Frauen, aber ist das nicht etwas abschreckend
für den Anfang? Ebenso Tochter der Apokalypse, vielleicht lieber
Ammonit, damit dürfte niemand Probleme bekommen. Winterplanet
ist ja eher einer der "Klassiker", aber gerade dieser Roman wurde von Feministinnen
auch stark kritisiert. Oder vielleicht Der Report der Magd? Letztendlich
lieh ich ihm Die Frau am Abgrund der Zeit und warte seitdem gespannt
auf seine Reaktion.
Für mich war das der Anlass, mich
einmal hinzusetzen und zu überlegen, was ich denn für wirklich
empfehlenswert halte. Das Ergebnis ist die folgende vollkommen subjektive
Vorschlagsliste. Ich interessiere mich vor allem für Sciencefiction
und Utopien, deshalb ist die Fantasy kaum vertreten. Außerdem habe
ich keine Rücksicht darauf genommen, ob ein Werk je ins Deutsche übersetzt
wurde bzw. ob zur Zeit eine deutsche Ausgabe im Handel erhältlich
ist.
Aber zu Anfang will ich erst einmal auf die
Gewinner des James Tiptree
Jr. Retrospective Award verweisen, der 1996 für die feministischen
Werke vergeben wurde, die am nachhaltigsten den Umgang mit Geschlechterfragen
in der Sciencefiction/Fantasy verändert haben:
- Winterplanet
von Ursula K. Le Guin
Winterplanet war der erste Sciencefiction-Roman, den ich gelesen habe. Ich war damals 16 und stieß
mit meinem Wunsch, nach dem Abitur Maschinenbau zu studieren, auf allgemeine
Skepsis. Da hat mich die Vorstellung einer Welt, in der die Menschen kein
eindeutiges Geschlecht haben und es deshalb zum Beispiel keine typischen
"Männerberufe" und "Frauenberufe" gibt, unheimlich beflügelt.
Und so ging es wohl vielen. Dennoch wurde der Roman von Feministinnen kritisiert,
da für die Menschen auf Winter, die ja nur während der "Kemmer"
ein Geschlecht annehmen (und nicht notwendigerweise immer dasselbe) und
die ansonsten geschlechtslos sind, durchweg das Pronomen "er" verwendet
wird. Und damit stellen sich die LeserInnen halt doch meistens einen Mann
vor, wenn Winter im Roman erwähnt werden.
- Planet
der Frauen / Eine Weile entfernt und "Als alles anders wurde" von Joanna
Russ
Planet der Frauen habe ich gerade
wieder gelesen, und der Roman hat mir beim zweiten Lesen tatsächlich
besser gefallen als das erste Mal. Er ist wegen seiner "nicht-linearen",
"dekonstruktuvistischen", "New Wave"-Schreibweise (oder wie man sie sonst
noch beschreiben möchte) nicht ganz einfach zu lesen. Es ist nicht
immer ganz klar, wer gerade die Erzählerin ist - stellenweise wechselt
das von Satz zu Satz. Es gibt auch nicht viel Handlung, statt dessen Betrachtungen
zur patriarchalen Gesellschaft. Außerdem ist der Roman bzw. dessen
Autorin wütend. Aber wer sich darauf einlässt, wird
mit einer geistreichen und witzigen (!) Gesellschaftsanalyse sowie einer
wundervollen und glaubwürdigen Utopie voller starker, aber nicht friedfertiger
Frauen belohnt.
- Tochter
der Apokalypse und Alldera
und die Amazonen von Suzy
McKee Charnas
In Tochter der Apokalypse wird das
Konzept des Patriarchats, der Herrschaft der Väter, weiterentwickelt
zu einer Herrschaft der alten Männer, die sich nicht mehr als Väter
sehen. In Holdfast herrschen Senioren , Junioren arbeiten und Frauen sind
Sklaven, vor denen mann Angst hat und die mann bei erster Gelegenheit auch
noch "abschafft".
Im Gegensatz dazu wird in Alldera und
die Amazonen eine Gesellschaft von Frauen gezeigt, zu denen sich einige
Frauen aus Holdfast geflüchtet haben. Und die Unterschiede zwischen
den Frauen, die immer frei und selbstbestimmt waren, und den ehemaligen
Sklavinnen werden überdeutlich.
Und wenn man schon dabei ist, kann man gleich
mit dem dritten Teil (The Furies)
weitermachen.
Aus meiner Sicht absolut lesenswert sind die
folgenden Werke:
- Die
Frau am Abgrund der Zeit von Marge
Piercy
In Die Frau am Abgrund der Zeit wird
eine Utopie beschrieben, die feministische, basisdemokratische und ökologische
Konzepte umsetzt, soziale Ungleichheit nicht zulässt, Kulturen
bewahrt, ohne dass Fremdenhass entsteht, und und und. Es ist
eine der ganzheitlichsten Utopien, die ich kenne, und dabei noch glaubwürdig.
Und es ist das Buch in dieser Liste, das ich am ehesten den LeserInnen
in die Hand drücken würde, die sich mit Feminismus noch wenig
beschäftigt haben.
- "Die unscheinbaren Frauen" von James
Tiptree, Jr.
Tiptrees Kurzgeschichten sind immer herausragend
gut. Aber diese Kurzgeschichte hat sich mir vor allem wegen eines kurzen
Dialogs eingeprägt: Eine Expedition trifft im Urwald auf Außerirdische,
und zwei Frauen der Expedition bitten diese, sie mitzunehmen. Ein Expeditionsteilnehmer
versucht eine der beiden mit "For Christ's sake, Ruth, they're aliens!"
abzuhalten, worauf sie geistesabwesend antwortet: "I'm used to it." Und
wer den Witz jetzt nicht versteht, sollte die Kurzgeschichte wirklich lesen.
- Die
Töchter Egalias von Gerd
Brantenberg und Schöne
verkehrte Welt oder Die Zeitmaschine meiner Urgroßmutter
von Ulla Hagenau-Stoewer
In Die Töchter Egalias werden
die Gesellschaftsverhältnisse, wie wir sie kennen, auf den Kopf gestellt.
PHs statt BHs, Väter, die für Haushalt und Kindererziehung zuständig
sind, schließlich müssen die Frauen das Geld verdienen, Männer,
die - wie jede weiß - schwächer sind als Frauen und sich vor
Vergewaltigungen in acht nehmen müssen, usw. Ein herrlicher Spaß,
der zu denken gibt. Weniger bekannt als Gerd Brantenbergs Roman ist der
Roman Schöne verkehrte Welt oder Die Zeitmaschine meiner Urgroßmutter
von Ulla Hagenau-Stoewer, der fast zur gleichen Zeit wie die deutsche Übersetzung
von Die Töchter Egalias herauskam und ebenfalls eine rollen-"verkehrte"
Gesellschaft beschreibt. Schöne verkehrte Welt ist vielleicht
nicht so witzig wie Die Töchter Egalias, aber da er in Deutschland
spielt und oftmals Bezug auf die deutsche Frauenbewegung der 70er Jahre
nimmt, hat dieser Roman noch einen ganz eigenen Reiz.
- Der
Report der Magd von Margaret
Atwood
Der Fundamentalismus nimmt in vielen Gesellschaften
immer weiter zu. In ihrer Dystopie Der Report der Magd extrapoliert
Atwood, was sich aus dem christlichen Fundamentalismus in den USA der achtziger
Jahre sowie der damaligen Gegenbewegung gegen den Feminismus in der Zukunft
ergeben könnte. Für mich war das Buch in erster Linie eine
Mahnung, die mich daran erinnerte, dass die Welt sich ständig
ändert und wir daher keine unserer "Errungenschaften", so unzureichend
sie manchmal sein mögen, als selbstverständlich hinnehmen dürfen.
- Die
Maerlande Chroniken von Élisabeth
Vonarburg
In der post-apokalyptischen Zukunft von Die
Maerlande Chroniken werden nur noch wenige Männer geboren. Das
hat nach einigen Kriegen zu einer Frauengesellschaft geführt, in der
Männer auf ihre Rolle als Samenspender reduziert werden und sonst
fast völlig aus dem Blick geraten sind. Der Roman erzählt das
Leben von Lisbeï, die ursprünglich für die Rolle als Oberhaupt
ihrer Sippe vorgesehen ist, aber letztendlich in ihrer Gesellschaft eine
Außenseiterin bleibt. Das Matriarchat von Maerlande wird in seinen
Stärken und Schwächen aus Sicht von Lisbeï geschildert.
Dabei wird die Gesellschaft weder als reine Utopie noch abwertend als Ameisenhaufen
oder Bienenstock dargestellt.
- Ammonit
von Nicola Griffith
Ein vergessener, von Menschen kolonisierter
Planet wird wiederentdeckt. Zum allgemeinen Befremden leben dort nur Frauen.
Bevor dieses Geheimnis gelöst werden kann, sterben alle Männer
und auch ein kleiner Teil der Frauen des Expeditionstrupps, der zu dem
Planeten geschickt wurde. Über den Planeten wird eine Quarantäne
verhängt und eine Anthropologin, Marghe Taishan, als Versuchskaninchen
für einen Impfstoff hinuntergeschickt. Das ist der Ausgangspunkt für
eine wunderbare, spannende Abenteuer- und Entdeckungsgeschichte mit einer
"starken" Frau, die zu sich selbst findet. Wieder einmal wird eine Frauengesellschaft
- oder besser mehrere verschiedene Frauengesellschaften - dargestellt,
aber einer der interessanten Aspekte dieses Romans ist, dass die Abwesenheit
von Männer gar nicht groß thematisiert wird. Im Unterschied
zu vielen anderen Büchern über Matriarchate werden Frauen hier
in erster Linie als Menschen dargestellt.
- Traumschlange
von Vonda McIntyre
Traumschlange spielt auf einen von
der allgemeinen technologischen Entwicklung des Universums abgeschnittenen
Planeten, auf dem sich deshalb eine einfachere Technologie entwickelt hat,
die auf einer Art "Bioengineering" beruht. Die Protagonistin verliert eine
ihrer seltenen Heilschlangen und macht sich auf den Weg zur Stadt, die
noch Kontakt nach außen hat, in der Hoffnung, dort eine der Heilschlangen
bekommen zu können. Dadurch ergibt sich die Gelegenheit die Gesellschaft
dieses Planeten darzustellen. Es gibt keine geschlechtsspezifischen Rollenzuteilungen,
Partnerschaften kommen in allen möglichen Kombinationen vor, Sex ist
nicht mit Schuld behaftet und auch nicht unbedingt mit großen Gefühlen
verknüpft und verhütet wird über Biofeedback.
- The
Gate to Women's Country von Sheri
S. Tepper
Mit The Gate to Women's Country habe
ich feministische SF vor ein paar Jahren wiederentdeckt, deshalb habe ich
es in besonders guter Erinnerung. Und das obwohl darin von inhärenten
Unterschieden zwischen Mann und Frau ausgegangen wird, was so gar
nicht meinen eigenen Auffassungen entspricht. Aber es kann ja auch gegen
den Strich gelesen werden: wenn Männer im Unterschied zu Frauen von
ihrer Biologie her aggressiv sind, dann muss die Gesellschaft damit
umgehen. Und zwar nicht indem die Frauen sich schulterzuckend damit abfinden,
sondern indem sehr konkrete Maßnahmen ergriffen werden, nicht
direkt zum Wohl der Männer. Mehr kann ich nicht verraten, ohne die
Auflösung des Romans vorwegzunehmen.
P.S.: Leider zeigt der Roman auch ein sehr
zwiespältiges Verhältnis zur Homosexualität.
- Planet
der Habenichtse von Ursula
K. Le Guin
In Planet der Habenichtse entwickelt
Ursula Le Guin eine utopische Gesellschaft, die versucht, anarchistische
und pazifistische Konzepte umzusetzen, und zeigt diese im Konflikt mit
einer gewalttätigen, patriarchalen Gesellschaft. Der Roman beschäftigt
sich nicht primär mit dem Verhältnis der Geschlechter, aber die
Utopie ist eine der interessantesten, die ich je gelesen habe.
- Die Wand
von Marlen Haushofer
In Die Wand geschieht über Nacht
ein nicht näher erklärtes Unglück, wodurch alle Lebewesen
in der Position, in der sie sich gerade befinden, erstarren. Nur ein kleines
Waldgebiet, in dem gerade eine Frau mittleren Alters in einer Hütte
auf einem Erholungsurlaub ist, wird durch eine unsichtbare, undurchdringliche
Wand vor der Katastrophe geschützt. Der Roman erzählt aus der
Sicht der einzigen Überlebenden, wie sie sich in ihrem neuen Leben
einrichtet. Er konzentriert sich dabei auf das Innenleben der Protagonistin,
die in dieser doch so verzweifelten Lage eine eigentümliche Selbstgenügsamkeit
und Zufriedenheit entwickelt. Wer es anhand dieser Inhaltsbeschreibung
noch nicht gemerkt hat: Die Wand ist kein Sciencefiction, sondern
eine Analyse der menschlichen Psyche unter Verwendung eines vereinzelten
Sciencefiction-Elements.
- Die
Nebel von Avalon von Marion
Zimmer Bradley
Für viele Frauen wie auch für
mich war diese Neuinterpretation der Artussage aus weiblicher Sicht eine
Offenbarung. Marion Bradley hat es mit diesem Buch geschafft, Frauengeschichte
zu schreiben, die zwar kaum den historisch verbrieften Fakten entspricht,
aber dennoch die Vorstellungswelt von Frauen bereichert. Deshalb habe ich
diesen Roman aufgenommen, obwohl der feministische Gehalt meiner Ansicht
nach gering ist. Wie bekannt, hat sich Marion Bradley wiederholt vom Feminismus
distanziert, dem sie allerdings Ansichten und Vorstellungen zuschreibt,
die meiner Ansicht nach gar nicht bzw. nur von einigen Feministinnen vertreten
werden.
Weitere aus feministischer Sicht interessante
Romane von Marion Bradley sind Die
zerbrochene Kette, Gildenhaus
Thendara und Die
schwarze Schwesternschaft
Meine Empfehlungen beschränken sich natürlich
auf das, was ich bereits gelesen habe. Weitere Werke, die ich nicht persönlich
kenne, aber immer wieder genannt werden:
Hast Du eines der Werke, die Dir am Herzen liegen,
vermisst? Oder kannst Du gar nicht verstehen, warum XY genannt wurde?
Oder findest Du auch, dass YZ in diese Liste gehört, aber aus
ganz anderen Gründen? Dann schreib mir Deine Empfehlung mit einer
kurzen Begründung (die sich vorzugsweise auf den feministischen Gehalt
der Geschichte bezieht). Dein Beitrag wird dann in die Liste weiterer Empfehlungen
aufgenommen (die im Moment noch nicht existiert).
Petra, März 1999
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