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Titelbild: Julie Phillips (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon. St. Martin's Press, New York

James Tiptree, Jr. (1915-1987), USA

Geboren in Chikago als Alice Hastings Bradley. Ihre Mutter, Mary Hastings Bradley, war eine bekannte Geographin und Autorin von 35 Reisebeschreibungen. Ihr Vater, Herbert E. Bradley, war Anwalt und Forschungsreisender. Zwischen 1919 und 1925 reiste die Familie viel, u.a. quer durch Afrika, was Mary Bradley in dem Buch Alice in Jungle Land (illustriert von ihrer Tochter) veröffentlichte. Ende der zwanziger Jahre folgten dann noch Reisen durch Indien und Asien.
Zuerst begann Alice Bradley eine Laufbahn als Illustratorin und Malerin. Sie veröffentlichte Zeichnungen in der angesehenen Zeitschrift The New Yorker und ihre Bilder wurden in Ausstellungen in Washington und am Chicago Art Institute gezeigt. 1934 heiratete sie den Polospieler William Davey, doch die Ehe wurde bereits nach vier Jahren wieder geschieden. Von 1941 bis 1942 arbeitete Alice Bradley als Literaturkritikerin für die Zeitung Chicago Sun.
1942 ging sie zur Armee und absolvierte als erste Frau die Geheimdienstschule der Luftwaffe. 1945 heiratete sie den Oberst Huntingdon D. Sheldon. Beide wurden 1945 nach Deutschland versetzt, Alice Sheldon mit dem Auftrag, soviel Informationen wie möglich über Wissenschaft und Technologie der Deutschen zusammenzustellen. Nach Abschluß dieser Arbeit wurde sie mit einem Orden ausgezeichnet und zum Major befördert. 1946 veröffentlichte Alice Sheldon in The New Yorker ihre erste Erzählung, die aber nicht zur SF gehört.
Huntingdon Sheldon wurde 1952 bei Gründung der CIA auf einen hohen Posten dort befördert. 1955 benutzte Alice Sheldon die Techniken, die sie beim Geheimdienst gelernt hatte, dazu, sich eine neue Identität zuzulegen, schrieb einen Kündigungsbrief und verschwand. Nach einiger Zeit kehrte sie zu ihrem Mann zurück, arbeitete aber von da an nicht mehr für den CIA. Statt dessen studierte sie Psychologie und machte 1967 ihren Doktor in experimenteller Psychologie.
1968 veröffentlichte Alice Sheldon unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. in dem SF-Magazin Analog ihre erste SF-Kurzgeschichte, "Geburt eines Handelsreisenden". Alice Sheldon gab später an, den Namen von einem Marmeladenglas, das aus Tiptree in England importiert worden war, übernommen zu haben. Zwischen 1970 und 1977 erschienen viele ihrer besten Kurzgeschichten in rascher Folge. Einige ihrer Kurzgeschichten veröffentlichte Sheldon auch unter dem Pseudonym Racoona Sheldon.
Sheldon/Tiptree blieb vollkommen anonym. Sie korrespondierte über eine Postfach-Adresse und nahm Auszeichnungen nie selbst entgegen. Dementsprechend wurde viel über ihre Identität spekuliert. Die wenigen Details aus Tiptrees Lebensgeschichte, die bekannt wurden, entsprachen voll den damaligen (?) Vorstellungen einer männlichen Biographie, so daß trotz des feministischen Gehalts vieler ihrer Kurzgeschichten nur selten bezweifelt wurde, daß Tiptree ein Mann sei. Berühmt wurde Robert Silverbergs Vorwort zu Tiptrees Erzählsammlung Warme Welten und andere, in dem er schrieb: "Auch wurde gemutmaßt, Tiptree sei eine Frau. Diese Theorie finde ich absurd; denn Tiptrees Geschichten haben für mich etwas unverkennbar Maskulines."
1977 wurde Tiptree von einem hartnäckigen Fan enttarnt.
In den späten siebziger Jahren verschlechterte sich Sheldons Gesundheitszustand. Sie hatte einen zweiten Herzinfarkt. Außerdem erkrankte ihr Mann zu Beginn der achtziger Jahre an Alzheimer. Tiptrees Produktivität ging zurück. 1987 erschoß Alice Sheldon zuerst ihren Mann und dann sich selbst.
Tiptree wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet: jeweils zweimal mit dem Hugo Award (für den Kurzromann 'The Girl Who Was Plugged In' (1974) und 'Houston, Houston, Do You Read?' (1977)), dem Nebula Award (1973 für die Kurzgeschichte 'Love Is the Plan the Plan Is Death' und 1976 für 'Houston, Houston, Do You Read?') und dem Locus Poll Award (1984 für die Kurzgeschichte 'Beyond the Dead Reef' und 1986 für den Kurzroman 'The Only Neat Thing to Do'), sowie mit dem 1986 SF Chronicle Award für 'The Only Neat Thing to Do' und mit dem 1987 World Fantasy Award für die Sammlung Tales of the Quintana Roo.
Q: u.a. ISFDB Bibliography

Webseiten zu James Tiptree, Jr.:

Interviews mit und Artikel zu James Tiptree, Jr.:

Erzählungen:
"Mama kommt nach Hause" (1968)
"Dein haploides Herz" (weiterer deutscher Titel: "Zu Feinden geboren") (1969)
"Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang" (1972)
"Die unscheinbaren Frauen" (1973)
"Das ein- und ausgeschaltete Mädchen" (1973)
"Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod" (weiterer deutscher Titel: "Der Plan ist Liebe und Tod") (1973)
"Eure Gesichter, meine Schwestern! Eure strahlenden Gesichter" (1976) (als Racoona Sheldon)
"Sie wartet auf alle geborenen Menschen" (1976)
"Houston, Houston, hört ihr mit?" (weiterer deutscher Titel: "Houson, Houston, bitte melden") (1976)
"Die Goldfliegen-Lösung" (weitere deutsche Titel: "Schmeißfliegen", "Operation Goldfingerfliege") (1977)
Warme Welten und andere (Sammlung) (1975)
Sternenlieder eines alten Primaten (Sammlung) (1978)
"Fleisch" (1985) (als Racoona Sheldon)

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