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James Tiptree, Jr. (1915-1987), USA
Geboren in Chikago als Alice Hastings
Bradley. Ihre Mutter, Mary Hastings Bradley, war eine bekannte Geographin
und Autorin von 35 Reisebeschreibungen. Ihr Vater, Herbert E. Bradley,
war Anwalt und Forschungsreisender. Zwischen 1919 und 1925 reiste die Familie
viel, u.a. quer durch Afrika, was Mary Bradley in dem Buch Alice in
Jungle Land (illustriert von ihrer Tochter) veröffentlichte. Ende
der zwanziger Jahre folgten dann noch Reisen durch Indien und Asien.
Zuerst begann Alice Bradley eine Laufbahn
als Illustratorin und Malerin. Sie veröffentlichte Zeichnungen in
der angesehenen Zeitschrift The New Yorker und ihre Bilder wurden
in Ausstellungen in Washington und am Chicago Art Institute gezeigt. 1934
heiratete sie den Polospieler William Davey, doch die Ehe wurde bereits
nach vier Jahren wieder geschieden. Von 1941 bis 1942 arbeitete Alice Bradley
als Literaturkritikerin für die Zeitung Chicago Sun.
1942 ging sie zur Armee und absolvierte
als erste Frau die Geheimdienstschule der Luftwaffe. 1945 heiratete sie
den Oberst Huntingdon D. Sheldon. Beide wurden 1945 nach Deutschland versetzt,
Alice Sheldon mit dem Auftrag, soviel Informationen wie möglich über
Wissenschaft und Technologie der Deutschen zusammenzustellen. Nach Abschluß
dieser Arbeit wurde sie mit einem Orden ausgezeichnet und zum Major befördert.
1946 veröffentlichte Alice Sheldon in
The New Yorker ihre erste
Erzählung, die aber nicht zur SF gehört.
Huntingdon Sheldon wurde 1952 bei Gründung
der CIA auf einen hohen Posten dort befördert. 1955 benutzte Alice
Sheldon die Techniken, die sie beim Geheimdienst gelernt hatte, dazu, sich
eine neue Identität zuzulegen, schrieb einen Kündigungsbrief
und verschwand. Nach einiger Zeit kehrte sie zu ihrem Mann zurück,
arbeitete aber von da an nicht mehr für den CIA. Statt dessen studierte
sie Psychologie und machte 1967 ihren Doktor in experimenteller Psychologie.
1968 veröffentlichte Alice Sheldon
unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. in dem SF-Magazin Analog ihre
erste SF-Kurzgeschichte, "Geburt eines Handelsreisenden". Alice Sheldon gab
später an, den Namen von einem Marmeladenglas, das aus Tiptree in
England importiert worden war, übernommen zu haben. Zwischen 1970
und 1977 erschienen viele ihrer besten Kurzgeschichten in rascher Folge. Einige ihrer Kurzgeschichten
veröffentlichte Sheldon auch unter dem Pseudonym Racoona Sheldon.
Sheldon/Tiptree blieb vollkommen anonym.
Sie korrespondierte über eine Postfach-Adresse und nahm Auszeichnungen
nie selbst entgegen. Dementsprechend wurde viel über ihre Identität
spekuliert. Die wenigen Details aus Tiptrees Lebensgeschichte, die bekannt
wurden, entsprachen voll den damaligen (?) Vorstellungen einer männlichen
Biographie, so daß trotz des feministischen Gehalts vieler ihrer Kurzgeschichten
nur selten bezweifelt wurde, daß Tiptree ein Mann sei.
Berühmt wurde Robert Silverbergs Vorwort zu Tiptrees Erzählsammlung
Warme Welten und andere, in dem er schrieb: "Auch wurde gemutmaßt,
Tiptree sei eine Frau. Diese Theorie finde ich absurd; denn Tiptrees Geschichten
haben für mich etwas unverkennbar Maskulines."
1977 wurde Tiptree von einem hartnäckigen Fan enttarnt.
In den späten siebziger Jahren verschlechterte
sich Sheldons Gesundheitszustand. Sie hatte einen zweiten Herzinfarkt.
Außerdem erkrankte ihr Mann zu Beginn der achtziger Jahre an Alzheimer.
Tiptrees Produktivität ging zurück. 1987 erschoß Alice Sheldon zuerst ihren Mann und dann sich selbst.
Tiptree wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet:
jeweils zweimal mit dem Hugo Award (für den Kurzromann 'The Girl Who Was Plugged In' (1974) und 'Houston, Houston, Do You Read?' (1977)),
dem Nebula Award (1973 für die Kurzgeschichte 'Love Is the Plan the Plan Is Death' und 1976 für 'Houston, Houston, Do You Read?')
und dem Locus Poll Award (1984 für die Kurzgeschichte 'Beyond the Dead Reef' und 1986 für den Kurzroman 'The Only Neat Thing to Do'),
sowie mit dem 1986 SF Chronicle Award für 'The Only Neat Thing to Do'
und mit dem 1987 World Fantasy Award für die Sammlung Tales of the Quintana Roo.
Q: u.a. ISFDB Bibliography
Webseiten zu James Tiptree, Jr.:
Interviews mit und Artikel zu James Tiptree, Jr.:
- Lowry Pie (1979) Poor Singletons: Definitions of Humanity in the Stories of James Tiptree, Jr.. Science Fiction Studies 6 (1979) 3 (Issue 19)
- Robert Silverburg (1981) Wer, was ist
Tiptree?. In: James Tiptree Jr.: Warme Welten und andere. Heyne Science
Fiction 3822, Heyne, München. S. 7-16 (engl. Original 1975, Ü: René Mahlow).
Zitat: "Auch wurde gemutmaßt, Tiptree sei eine Frau. Diese Theorie
finde ich absurd; denn Tiptrees Geschichten haben für mich etwas unverkennbar
Maskulines. Ich glaube nicht, daß Jane Austens Romane von einem Mann
hätten geschrieben werden können, oder Ernest Hemingways Stories
von einer Frau; und im selben Sinne glaube ich, daß der Autor der
James-Tiptree-Geschichten ein Mann ist."
- Anne Koenen (1986) "Männer - die übelsten
Primaten der Erde" - Die Kurzgeschichten von James Tiptree jr.. In: Barbara
Holland-Cunz (Hrsg.) Feministische Utopien - Aufbruch in die postpatriarchale
Gesellschaft. Edition Futurum 9, Corian, Meitingen. S. 177-188. Zitate:
"[...] findet Tiptree immer mehr zu den
für sie typischen Themen: die enge Verbindung von Eros und Thanatos,
Sexualität und Gewalt in einer patriarchalischen Gesellschaft; der
drohende Untergang der menschlichen Rasse, ihre Bedeutungslosigkeit im
Kosmos bzw. ihr Verschmelzen mit anderen Rassen; die Natur von Menschlichkeit
auf dem Hintergrund der Geschlechterpolarisierung; und schließlich,
zentral; die Unterdrückung der Frauen und die Rache der Frauen, die
immer entschlossener und auch zynischer dargestellt werden."
"An den vorgestellten Geschichten ist bereits
der enge Zusammenhang zwischen männlicher Sexualität und Gewalt,
den Tiptree als verheerend in der Beziehung der Geschlechter ansieht und
der den Grund für den Ausschluß der Männer aus Utopia bildet,
deutlich geworden."
- Brian W. Aldiss (1987) Der Milliarden Jahre Traum - Die Geschichte der Science Fiction. Bastei-Lübbe Taschenbücher 28160, Lübbe, Bergisch Gladbach. S. 478-480
- Mark Siegel (?) Love Was the Plan, the Plan was . . .. A True Story About James Tiptree, Jr.. Ein Nachruf.
- John Clute (1990) Introduction. In: Her Smoke Rose Up Forever. Arkham House. Online wiedergebeben auf James Tiptree Jr. - A WWW Site
- David G. Hartwell, Kathryn Cramer (1994) Notes on Stories by James Tiptree, Jr.: "The Psychologist Who Wouldn't Do Awful Things to Rats". In: David G. Hartwell, Kathryn Cramer (Hrsg.) The Ascent of Wonder: The Evolution of Hard Science Fiction. (Anthologie)
- Elisabeth Sherwin (1996) Alice or James ? The stories are the main thing. Printed Matter 22. Dezember 1996
- Debbie Notkin (1998) Why Have a Tiptree Award? In: Debbie Notkin, The Secret Feminist Cabal (Hrsg.) Flying Cups and Saucers: Gender Explorations in Science Fiction and Fantasy. Edgewood Press.
- Alex Coutts (1999/2000?) Zukunft von gestern - Erfrorene Sperlinge - Die letzten Erzählungen von James Tiptree jr. ULTIMO auf Draht
- Adam Roberts (2003) Readings in Classic SF. The Alien Online April 2003 (eine Besprechung der Tiptree-Erzählung 'And I awoke and found me here on the cold hill's side' (1971) mit einer kurzen einführenden Diskussion von Tiptrees Gesamtwerk)
- Julie Phillips (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon. St. Martin's Press, New York.
Besprechungen etc.:
- Infoseite von Julie Phillips zur Biographie
- Ausgezeichnet mit dem 33. Annual National Book Critics Circle Award, 2006, in der Kategorie Biographie
- Nominiert für den 2007 Hugo Award in der Kategorie 'Related Books', Q: Locus Online 29.3.2007
- Carter Scholz (2006) Invisible Men. A New Biography Explores the Woman Who Was James Tiptree, Jr. BookForum Summer 2006
- Andi Shechter (2006) The Mark That Lasts. January Magazine June 2006
- Coffeeandink LiveJournal 27.7.2006
- Janet Maslin (2006) A Sci-Fi Writer Who Lived Her Own Amazing Stories. The New York Times 3.8.2006
- Nisi Shawl (2006) "James Tiptree, Jr.": The amazing lives of writer Alice B. Sheldon. The Seattle Times 4.8.2006
- Martin Morse Wooster (2006) The Woman Men Didn't See. In the guise of a man, she became one of the top writers in her field. The Washington Post 6.8.2006
- John Clute (2006) Excessive Candour: Deaths. Science Fiction Weekly 7.8.2006
- Gavin J. Grant (2006) August Pick Reveals the Double Life of Alice B. Sheldon. Bookweb 8.8.2006
- Laura Miller (2006) Stranger than science fiction. Before JT Leroy there was James Tiptree Jr. -- the writer and alter ego of Alice Sheldon, a beautiful woman who struggled under the weight of her talent, depression and sexuality. Salon Magazine 10.8.2006
- Rick Klaw (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon. The Austin Chronicle 18.8.2006
- Dave Itzkoff (2006) Alice’s Alias. New York Times 20.8.2006 (Zugang erst nach (kostenloser) Registrierung möglich)
- Emerald City #132 (Besprechung von Cheryl Morgan)
- Ron ... (2006) Sci-Fi Bio Slights Sci-Fi Writer. Mediabistro 28.9.2006
- Joanne McNeil (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon by Julie Phillips. BookSlut September 2006
- Kathi Wolfe (2006) She blinded me with science fiction (Gay): New biography of sci-fi writer James Tiptree, Jr. explores the writer’s closeted life as a lesbian. Wash Blade 1.9.2006
- John Joseph Adams (2006) Strong Medicine (2. Besprechung von oben). Intergalactic Medicine Show September 2006
- Michael Saler (2006) A lady's man and his pen. The Times Literary Supplement 11.10.2006
- Russ Allbery (2006) James Tiptree, Jr.. 12.10.2006
- James Schellenberg (2006) James Tiptree, Jr. and the Tiptree Awards. Challenging Destiny October 2006
- Elizabeth Hand (2006) Go Ask Alice.Fantasy & Science Fiction October/November 2006
- Lesley A. Hall (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon by Julie Phillips. Vector 249
- Farah Mendlesohn (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon by Julie Phillips. Strange Horizons 6.11.2006
- Matthew Cheney (2006) Interview: Julie Phillips. Strange Horizons 20.11.2006
- Gavin Grant (2006) Julie Phillips on James Tiptree, Jr.. Los Angeles Times 3.12.2006
- Anonym (2006) James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon. Interview mit Julie Phillips. Salon Magazine 14.12.2006
- Danny Yee's Book Reviews
Erzählungen:
"Mama kommt nach Hause" (1968)
"Dein haploides Herz" (weiterer deutscher Titel: "Zu Feinden geboren") (1969)
"Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang" (1972)
"Die unscheinbaren Frauen" (1973)
"Das ein- und ausgeschaltete Mädchen" (1973)
"Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod" (weiterer deutscher Titel: "Der Plan ist Liebe und Tod") (1973)
"Eure Gesichter, meine Schwestern! Eure strahlenden Gesichter" (1976) (als Racoona Sheldon)
"Sie wartet auf alle geborenen Menschen" (1976)
"Houston, Houston, hört ihr mit?" (weiterer deutscher Titel: "Houson, Houston, bitte melden") (1976)
"Die Goldfliegen-Lösung" (weitere deutsche Titel: "Schmeißfliegen", "Operation Goldfingerfliege") (1977)
Warme Welten und andere (Sammlung) (1975)
Sternenlieder eines alten Primaten (Sammlung) (1978)
"Fleisch" (1985) (als Racoona Sheldon)
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