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Christa Reinig (1926- ), Deutschland
Geboren als Tochter der ledigen Aufwartefrau Wilhelmine Reinig in einem Arbeiterviertel im Osten Berlins. Reinig wollte
Schriftstellerin oder Gärtnerin werden, konnte jedoch nur Blumenbinderin lernen.
Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Reinig in einer Fabrik und später als Blumenbinderin
am Alexanderplatz.
1949 konnte sie ihre erste Erzählung, "Eine Ruine", veröffentlichen, 1951 erschien ihre zweite Erzählung, "Ein Fischerdorf".
Reinig ergriff die Chance, an der 1950 neu eröffneten Arbeiter-und-Bauern-Fakultät ihr Abitur nachzuholen.
1951 erkannte sie, dass sie lesbisch ist. Von 1953 bis 1957 studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie an der Humboldt-Universität in Berlin.
Nach dem Studium arbeitete sie bis 1963 als wissenschaftliche Assistentin am Märkischen Museum in Berlin.
1951 wurde Reinig wegen Konflikten mit der politischen Führung ein Publikationsverbot auferlegt.
Sie lebte bis zu deren Tod mit ihrer Mutter zusammen in Ost-Berlin. Heimlich arbeitete sie in einer Gruppe in West-Berlin mit,
die sich die "ruhelosen Dichter der Zukunftssachlichkeit" nannten und gemeinsam die Zeitschrift Evviva Future! herausgaben.
1956 machte Reinig (im Westen) mit dem Gedicht "Ballade vom blutigen Bomme" erstmals auf sich aufmerksam. 1960 erschien der Gedichtband
Die Steine von Finisterre.
1964 wurde Reinig mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Von der Preisverleihung in Bremen kehrte sie nicht in die DDR zurück. Seitdem lebt Reinig in München.
1965/66 war sie als Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Danach arbeitete sie bis 1971 als freie Schriftstellerin.
Ihre Gedichte und Erzählungen erschienen in zahlreichen Anthologien. Im Süddeutschen Rundfunk wurden fünf
Hörspiele gesendet, eines davon wurde als Buch veröffentlicht (Das Aquarium). Mitte der sechziger Jahre wechselte Reinig vom Großverlag Fischer zum Kleinverlag Eremitenpresse, da sie mit der
Lektorierung bei Fischer nicht einverstanden war.
1971 stürzte Reinig eine Treppe hinunter. Der Unfall, durch den sie zwei Jahre lang von der Außenwelt fast abgeschnitten war, zusammen mit einer anschließenden falschen Behandlung machten sie zur Schwerbehinderten.
Seither lebt sie von ihrer schmalen Rente. Nach dem Unfall schrieb sie ihren ersten Roman (Die himmlische und die irdische Geometrie (1975) und anschließend Entmannung (1976), den sie als ihren "Weg in die Frauenbewegung" bezeichnete.
Reinig sah sich als Teil der Frauenbewegung, sie nahm an "Treffen schreibender Frauen" und an feministischen Kongressen teil.
1981 trennte sie sich vom Verlag Eremitenpresse, da diese zum zweiten Mal eines ihrer Bücher pornographisch illustriert hatten, und ging zum Verlag Frauenoffensive.
Weitere Auszeichungen: 1968 Hörspielpreis der Kriegsblinden; 1969 Tukan-Preis der Stadt
München; 1976 Kritikerpreis für Literatur; Bundesverdienstkreuz am Band; 1984 Jahrespreis des Südwestfunk-Literaturmagazins; 1993
Roswitha-Medaille der Stadt Gandersheim; 1999 Brandenburgischer Literaturpreis.
Q: Dimension2 (vor 08/2003 unter http://members.aol.com/germanwrit/dimension2-reinig.html),
Pressemitteilung des Landes Brandenburg zu den Brandenburgischen Literaturpreisen 1999,
Tagesspiegel 6.8.2001,
Marti (1992)
Webseiten zu Christa Reinig:
Artikel von und zu Christa Reinig:
- Christa Reinig () Der Baum, der Reden konnte (Gedicht)
- Christa Reinig () Robinson (Gedicht)
- Christa Reinig () Der Enkel trinkt - Die Prüfung des Lächlers - Robinson - Verwandlung (Gedichte)
- Christa Reinig () Der Henker (Gedicht)
- Jo Wünsche (1977) Abgestorbener Raum. Interview mit Christa Reinig. Alternative 113, S. 68-72
- Ekkehard Rudolph (1978) Mein Herz ist eine gelbe Blume. Christa Reinig im Gespräch mit Ekkehard Rudolph. Eremiten, Düsseldorf
- Madeleine Marti (1983) "Ohne Frauenbewegung hätte ich das sowieso nicht geschafft!" Interview mit Christa Reinig. Lesbenfront Nr. 17, S. 27-33
- Marie L. Gansberg (1986) "Erkennen, was die Rettung ist". Christa Reinig im Gespräch mit Marie Luise Gansberg. Frauenoffensive, München.
- Madeleine Marti (1992) Vom männlichen zum lesbischen Ich. Christa Reinigs Literatur von den fünfziger bis in die achtziger Jahre. In: Madeleine Marti: Hinterlegte Botschaften. Die Darstellung lesbischer Frauen in der deutschsprachigen Literatur seit 1945. Metzler, Stuttgart, S. 308-367.
Zitat: '"Christa Reinigs Literatur finde ich aus mehreren Gründen besonders interessant: Christa Reinig verbindet in ihren Texten eine kunstvolle
Einfachheit der Sprache mit einer komplexen Formgebung und bringt damit nach 1975 ihre radikalfeministische
Position in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Als einzige der anerkannten Autorinnen, die schon lange vor der Neuen
Frauenbewegung publiziert hatten, wurde sie Mitte der siebziger Jahre zur Feministin und vollzog ihr Coming Out
als lesbische Schriftstellerin. Neben Marlene Stenten ist sie die einzige Schriftstellerin, die bereits vor der Entstehung der Neuen Frauenbewegung
publiziert hatte und sich danach als lesbisch bezeichnete:
'Aber ich bin lesbische Schriftstellerin, so gut wie ich weibliche Schriftstellerin bin, das ist eine Entwicklung.'
Seither ist in der Rezeption das 'Phänomen der 'geteilten Reinig' ' (Marie Luise Gansberg) zu beobachten:
Feministinnen setzen sich mit Christa Reinigs Texten seit ihrem zweiten Roman Entmannung (1976) auseinander.
Kritiker dagegen bis und mit Entmannung. Sowohl Feministische Literaturwissenschaftlerinnen wie auch Literaturwissenschaftler
konzentrieren sich auf die Analyse des Romans Entmannung. Dies hat zur Folge, dass Christa Reinig zwar als eine von wenigen
Autorinnen in sämtlichen Literatur- und 'Autoren'-Lexika zu finden ist, dass jedoch nur wenige wissenschaftliche
Arbeiten über sie publiziert wurden. Eine Auseinandersetzung mit ihrem Gesamtwerk fehlt bisher."
- Madeleine Marti (1998) Reinig, Christa.
In: Ute Hechtfischer, Renate Hof, Inge Stephan, Flora Veit-Wild (Hrsg.) Metzler-Autorinnen-Lexikon. Metzler, Stuttgart. S. 441-443. Zitate:
"R. ist die einzige renommierte deutschsprachige Schriftstellerin, die sich offen als Feministin und auch
als Lesbe bekannt hat. In der Zeit von Mitte der 70er Jahre bis Mitte der 80er Jahre, als sich R. zur Frauenbewegung zählt,
publiziert sie nicht nur in zahllosen Zeitschriften und Anthologien der Frauenbewegung, sondern ist auch literarisch
am produktivsten [...] In der Folge wird R. deshalb vom Literaturbetrieb marginalisiert, wird weniger rezensiert und
kaum mehr mit Preisen bedacht."
"Obwohl es in der Rezeption das Phänomen der 'geteilten Reinig' (M.L. Gansberg) gibt und R.s Werk zunächst
als disparat erscheint, so erweisen sich doch Satire, Witz und Galgenhumor als bestimmender Gestus. R. verbindet in
kunstvoller Weise eine klare Sprache mit einer komplexen Form, womit sie vielfältig zum Ausdruck bringt: 'Mein
Leben ist mein Thema und die Erinnerung meiner Materie.'"
- Helmut Böttiger (2001) Christa Reinig: Sachlich in die Zukunft. Der Schriftstellerin zum 75. Geburtstag. Tagesspiegel 6.8.2001
Erzählungen:
Kluge Else, Katherlieschen und Gänsemagd als Bremer Stadtmusikanten (1982)
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