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Frauen in der US-amerikanischen Sciencefiction

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Die achtziger und neunziger Jahre: Backlash und Konsolidierung

Die achtziger Jahre. Anfang der achtziger Jahren schienen die Autorinnen endlich unabhängig von ihrem Geschlecht akzeptiert zu werden, die Geschlechtsbarrieren schienen durchbrochen zu sein. SF-Autorinnen wurden so zahlreich, dass es nicht mehr wie für die früheren Jahre möglich ist, eine begrenzte Anzahl als die wichtigsten herauszugreifen und hier zu listen.

Doch war die achtziger Jahre auch die Zeit des sogenannten "Backlash". Die Frauenbewegung war keine Bewegung mehr, die Massen auf die Straße brachte. Die Differenzen zwischen den Frauen wurden offensichtlicher. Mehr und mehr SF-Autorinnen versuchten bewusst oder unbewusst, das Etikett "Feministin", inzwischen übel beleumdet, zu vermeiden, denn als Feministin bezeichnet zu werden, bedeutete in den achtziger Jahren, nur für ein begrenztes Publikum zu schreiben. Dennoch schrieben etliche Frauen weiterhin utopische und feministische SF. Zu nennen sind insbesondere Joan D. Vinge (1980 The Snow Queen), Suzette Haden Elgin (1981 Ozark-Trilogie, 1984-1994 Native Tongue-Trilogie), Ursula K. Le Guin (1985 Always Coming Home), Joan Slonczewski (1986 A Door into Ocean, das von einigen als Antwort auf Dune von Frank Herbert interpretiert wird), Pamela Sargent (1986 The Shore of Women) und Sheri S. Tepper (1988 The Gate to Women’s Country).

1982 erschien The Mists of Avalon von Marion Zimmer Bradley, eine Umdeutung der Artus-Sage aus dem Blickwinkel der beteiligten Frauen. Damit wurde die so genannte keltische Fantasy bei den Leserinnen populär. In der Fantasy wird oft von einer patriarchalen, feudalistisch geprägten Gesellschaftsstruktur ausgegangen, was die Handlungsmöglichkeiten für die weiblichen Charaktere stark einschränkt. Die Fantasy-Autorinnen, die ihre Protagonistinnen nicht nur durch die Beziehung zu einem Mann definieren wollten, wandten sich den matriarchalen Kulturen zu, imaginiert oder real, und insbesondere dem Feld des Göttinnenmythos [Tuttle, 1998].

In der SF-Gemeinde wurde im Laufe der achtziger Jahre immer häufiger die Frage gestellt, ob die von Frauen geschriebene SF tatsächlich "richtige" SF sei. Insbesondere für etliche der neuen Autoren (z.B. Charles Platt, Bruce Sterling) schienen die siebziger Jahre keineswegs mehr eine innovative Periode des Genres zu sein. Der Beitrag der Frauen in dieser Zeit wurde, wenn nicht ganz ignoriert, kritisiert [Jeanne Gomoll zitiert nach LeFanu, 1988]. Es ging (und geht) die Sorge um, dass es der feministischen SF der siebziger Jahre ähnlich ergehen könnte wie den feministischen Utopien des 19. Jahrhunderts, die vergessen und erst in den siebziger Jahren von feministischen Wissenschaftlerinnen wiederentdeckt wurden.

Der Cyberpunk. Anfang der achtziger Jahre entstand innerhalb der Sciencefiction eine neue Richtung - der Cyberpunk. Obwohl nur relativ wenige Werke innerhalb der SF dem Cyberpunk zuzuordnen sind, hatten sie einen großen Einfluss, weil sie neu und anders waren. Die wichtigsten Autoren dieser neuen Richtung waren neben William Gibson Bruce Sterling, Rudy Rucker und Lewis Shiner und eventuell auch John Shirley. Die einzige Autorin, die fast immer im Zusammenhang mit Cyberpunk genannt wird, ist Pat Cadigan (1987 Mindplayers, 1991 Synners). Nicholls ordnete noch einzelne Werke von Candas Jane Dorsey, Elizabeth Hand, Kathy Acker, Storm Constantine und Misha dem Cyberpunk zu. Ein wichtiger Cyberpunk-Vorläufer war Tiptrees Erzählung "The Girl who was Plugged In", die bereits 1973 erschienen war [Nicholls, 1995a].

Dem Cyberpunk wird oft vorgeworfen, die Bürgerrechts- und die Frauenbewegung der sechziger und siebziger Jahre missachtet und in erster Linie eine weiße männliche Welt geschaffen zu haben, diesmal eine Welt junger Rebellen, die die Loner-Figuren in den Krimis der Chandler-Tradition zitieren [Browning, 1997]. Feministische Literaturkritikerinnen nannten es bemerkenswert, dass der Cyberpunk sich durch eine "zügellose" Heterosexualität auszeichnet, obwohl die Cyberpunk-Welt fast ausschließlich von Männern bevölkert sei. Ihrer Ansicht nach wurde der Cyberspace "feminisiert", damit die (männlichen) Protagonisten ihre Männlichkeit beweisen und ausleben können. Das Netz sei das elektronische Äquivalent zum Körper einer Frau [Cadora, 1995].

Die einzige allgemein als Cyberpunk-Schreiberin anerkannte Autorin Pat Cadigan wurde von den feministischen Literaturkritikerinnen ebenfalls oft kritisch gesehen. Sie zeige zwar bewundernswerte Frauencharaktere (ebenfalls Loner-Figuren), doch fehle ihr ein feministischer Blickwinkel. Auch sie würde Technik und Männlichkeit eng miteinander verknüpfen [Wolmark, 1993]. In den neunziger Jahren wurde Pat Cadigan und der Cyberpunk von den Feministinnen zum Teil neu bewertet, v.a. in Folge des Aufsatzes "Ein Manifest für Cyborgs" (1985) von Donna Haraway [Kelso, 1994Cadora, 1995]. Pat Cadigans Frauencharakteren wurde ein anderes Körperverhältnis als den Protagonisten des "männlichen" Cyberpunks attestiert. Karen Cadora ging sogar soweit, einen feministischen Cyberpunk zu beschwören.

Die neunziger Jahre. Anfang der neunziger Jahre waren die Auswirkungen der Frauenbewegung auf die SF bei vielen endgültig verblasst. Dennoch schrieben und schreiben mehr und mehr Frauen Sciencefiction, und ihre Werke werden vielfach ausgezeichnet. So ging zwischen seiner Einführung im Jahre 1953 und 1967 kein Hugo Award an eine Autorin, zwischen 1968 und 1990 dagegen 21 der 92 Preise - also 23% - in den literarischen Kategorien an Frauen und zwischen 1991 und 1999 11 von 41 Preisen (27%). Die Zahlen sind sogar noch besser beim Nebula Award, bei dem zwischen 1968 und 1990 28 der 91 Preise (31%) und zwischen 1991 und 1999 18 der 36 Nebulas (50%!) an Autorinnen verliehen wurden. Auch die Zahlen beim Campbell Award für den besten Nachwuchsautor oder die beste Nachwuchsautorin können sich sehen lassen: seit 1973 wurden 11 der 28 Preise bisher (39%) an Frauen vergeben (5 von 10 (50%) seit 1991).

Dagegen ergab eine Auswertung englischsprachiger SF-Magazine, dass immer noch deutlich mehr Erzählungen von Männern als von Frauen veröffentlicht werden [Truesdale, 1999]. Von 24 ausgewerteten Zeitschriften hatten nur fünf ein ausgewogenes Verhältnis (1:1 bis 1,3:1 Autoren zu Autorinnen), 13 Zeitschriften hatten ein Autoren:Autorinnen-Verhältnis zwischen 1,9:1 und 3,5:1 und in fünf Zeitschriften erschienen 6,8- bis 23-mal so viele Geschichten von Männern wie von Frauen. Als (sehr) grober Schnitt kann von einem 3:1-Mann-zu-Frau-Verhältnis ausgegangen werden. Für die Zeitschrift Fantasy & Science Fiction hat sich innerhalb der letzten drei Jahrzehnte der Schnitt von 6,7:1 (1960-1964) auf 1,9:1 (1993-1998) verbessert (für andere Zeitschriften standen keine Zahlen aus den sechziger Jahren zur Verfügung).

Die von Frauen geschriebene SF wird zwar allgemein anerkannt, aber gerade die SF der anerkanntesten Autorinnen wird gerne mit Einschränkungen versehen. So sagte ein Rezensent über Connie Willis: "Sie ist eine große Autorin, aber meiner Ansicht nach keine große SF-Autorin.", wohl weil die Charakterisierung ihrer Protagonisten mehr hervorsticht als ihre SF-Elemente [Sargent, 1995b]. Ursula Le Guin dagegen wird gerne vorgeworfen, die SF verlassen zu haben und inzwischen "Mainstream"-Bücher zu schreiben [Tuttle, 1995c].

Der James Tiptree Jr. Award. Im Laufe der achtziger Jahre hatten die SF-Cons ihre Alibiveranstaltungen zur Frauenfrage mangels Interesse aufgegeben, der einzige feministische SF-Con, WisCon, wurde weniger besucht und die feministischen Fanzines wurden eingestellt. An diesem Tiefpunkt hatten Pat Murphy und Karen Joy Fowler die zündende Idee, einen Preis für feministische SF einzuführen, den James Tiptree Jr. Award. Der Preis entwickelte sich zu einem Kristallisationspunkt für Fans feministischer SF. Er untergräbt auf ironische Weise konventionelle Vorstellungen, am augenscheinlichsten durch seinen Namen. Nachdem es eine Vielzahl von nach Männern benannte SF-Preise gibt (z.B. Hugo Award, Sturgeon Award, Campbell Award, Philip K. Dick Award), ist der Tiptree der erste und einzige SF-Preis, der nach einer Frau. benannt wurde, wobei ausgerechnet ihr männliches Pseudonym verwendet wird. Auch dass der mit 1000 $ dotierte Preis über Kuchenverkäufe ("bake sales") bei SF-Cons finanziert wird, ist als ironische Brechung der Konventionen gedacht. Ein weiterer wichtiger feministischer Aspekt ist die Diskussion innerhalb der Jury, die jedes Jahr neu zusammengesetzt wird, über das, was ein Werk eines Tiptree würdig macht [Gomoll, 1999Merrick, 1999Murphy, 1999].

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